Der große Irrglaube über KI - warum es auf den Menschen ankommt

Imitation von Verstand ist kein echter Verstand. 🧠 vs. πŸ€– #KΓΌnstlicheIntelligenz #TechLeadership #SoftwareEngineering #FutureOfWork #AI

Der große Irrglaube über KI - warum es auf den Menschen ankommt
Die Synergie von Mensch und kΓΌnstlicher Intelligenz – generiert mit KI.

Erstaunen, Freude, Lachen, aber auch leise Kritik – das sind die ersten Emotionen, die ich im Zusammenhang mit KI erlebt habe. Wir waren im Urlaub und mein Sohn wollte eine KI nutzen, um sich bei einem Aufsatz helfen zu lassen. Meine Frau zeigte ihm ChatGPT und die Ergebnisse waren beeindruckend, im Detail aber nicht so perfekt wie gewΓΌnscht. Neugierig geworden, habe ich dann selbst mal mit der KI gechattet und war ebenso erstaunt wie meine Familie. Das war fast so, als wΓΌrde man mit einem Menschen kommunizieren, der sehr viel weiß.

Wenn ich zurΓΌckblicke, empfinde ich es als Geschenk, die digitale Revolution hautnah miterleben zu kΓΆnnen. In meiner Jugend habe ich noch Quellcode aus Magazinen abgetippt. An der UniversitΓ€t berichteten Kommilitonen, dass sie ein kleines Spiel programmierten und die performance-kritischen Teile in Assembler von Hand schrieben. Ja, Assembler war zu der Zeit noch eine Programmiersprache fΓΌr Leute, die es wirklich wissen wollten.

Aus dieser Zeit kenne ich auch diesen Witz: Der Computer kennt nur Nullen und Einsen und kann mit dem Dezimalsystem, mit dem der Mensch am besten klarkommt, nichts anfangen. Wenn der Mensch etwas vom Computer mΓΆchte, mΓΌssen sich beide auf eine Sprache einigen. Der Kompromiss war dann Hexadezimal – eine Darstellung, die weder der Computer noch der Mensch nativ versteht.

Zwischen damals und heute ist viel passiert. Ein spannender Meilenstein auf diesem Weg war der Schach-Wettkampf von Kasparov gegen den Schachcomputer Deep Blue. GefΓΌhlt hatte die Menschheit einen Kampf gegen die Computer verloren.

Wie funktioniert so ein Schachprogramm, wenn man es stark vereinfacht darstellt? Man schreibt Code, der die Stellung bewertet. Ein Bauer zÀhlt 1, LÀufer und Springer 3, usw. Außerdem wird gezÀhlt, wer wie viele Felder kontrolliert. So kann man jede Stellung einer Partie mit einer Zahl bewerten und sieht, wer gerade (vermeintlich) besser steht.
Von der aktuellen Position aus probiert der Algorithmus jeden mΓΆglichen Zug aus und bewertet die resultierende Stellung. Hat er den besten Zug fΓΌr sich gefunden, berechnet er im nΓ€chsten Schritt die wahrscheinlich beste Antwort des Gegners. Auf diese Weise ermittelt das Programm Schritt fΓΌr Schritt eine optimale Zugfolge fΓΌr die kommenden ZΓΌge.
Wie gesagt, es ist alles stark vereinfacht, aber es reicht, um eine Vorstellung zu bekommen, wie es funktioniert.

Als die ersten Schachcomputer aufkamen, unterhielten wir uns darüber, wie sie denn spielen. Und die Antwort war: So würde kein Mensch spielen. Sie sind nicht schlecht, aber sie freuen sich z.B. wenn sie eine Figur gewinnen oder Schach geben kânnen. Und wenn man das weiß, kann man sie austricksen.
Kasparov hat in seinem Duell mit Deep Blue geschildert, dass er in den ZΓΌgen von Deep Blue eine ungewΓΆhnliche KreativitΓ€t und ein GespΓΌr fΓΌr Gefahr zu erkennen glaubte. In einer Partie war die Software von Deep Blue ΓΌberlastet und wΓ€hlte als NotlΓΆsung einen zufΓ€lligen Zug. Diesen passiven Zug hatte Kasparov nicht erwartet und im Nachhinein als strategische Meisterleistung bewertet.
Wir Menschen scheinen unsere EindrΓΌcke gerne in Bewertungen auszudrΓΌcken. Wir neigen dazu, alles mit uns Menschen zu vergleichen, und scheuen uns auch nicht davor Dingen menschliche ZΓΌge zuzuschreiben.

Genau hier schließt sich der Kreis zu ChatGPT und dem Aufsatz meines Sohnes im Urlaub. Wenn wir heute mit einem Large Language Model (LLM) chatten, tut die Maschine im Grunde nichts anderes als Deep Blue auf dem Schachbrett: Sie berechnet Wahrscheinlichkeiten. Sie weiß nicht, was ein "Aufsatz" ist, sie fühlt nicht die Freude einer gelungenen Formulierung. Sie würfelt lediglich in unvorstellbarer Geschwindigkeit die statistisch wahrscheinlichsten nÀchsten Wârter zusammen.

Manche argumentieren auch: Der Ausgangspunkt einer KI, die Trainingsdaten, kommen doch vom Menschen. Sie enthalten also automatisch unsere moralischen Vorstellungen. Einmal im System, propagieren diese durch bis zu den Ausgaben der KI. Das ist nicht falsch, aber unvollstÀndig dargestellt. Weil es nicht genug menschlichen Inhalt gibt, um große Modelle zu trainieren ("Data Wall" genannt), werden die meisten Trainingsdaten maschinell erzeugt. Diese Trainingsdaten sind in der Regel streng gehütete GeschÀftsgeheimnisse der großen Tech-Konzerne.

Zwar gibt es rühmliche Ausnahmen in der Open-Source-Gemeinschaft: Initiativen wie RedPajama oder The Pile legen ihre gigantischen DatensÀtze offen. Doch wer diese offenen Archive analysiert, stâßt schnell auf das nÀchste Problem: Sie spiegeln das ungefilterte Internet wider. Neben moralischen Abhandlungen und wissenschaftlichen Meisterwerken enthalten sie milliardenfache Foren-Diskussionen voller Hass, Vorurteile und Falschinformationen.

Die Vorstellung, dass man aus diesem gigantischen, wilden Rauschen des globalen Netzes durch reines statistisches Training eine verlΓ€ssliche, moralische Instanz formen kΓΆnnte, ist ein Irrglaube. Die Grundannahme, die Lerndaten seien moralischen Inhalts, lΓ€sst sich meiner Meinung nach weder beweisen noch widerlegen. Diese These ist im wissenschaftlichen Sinne schlicht nicht falsifizierbar.

Wenn wir in Unternehmen die KI nutzen, um Menschen eins zu eins zu ersetzen, begehen wir genau denselben Denkfehler wie Kasparov 1997. Wir verwechseln die Imitation von Verstand mit echtem Verstand, und wir ignorieren, dass Mensch und Maschine vΓΆllig anders sind und andere, sich oft ergΓ€nzende StΓ€rken haben. Und wir ignorieren, dass wir Menschen es sind, die der KI menschliche Eigenschaften zuordnen.

Der Mensch besitzt Bewusstsein, Moral, Werte und eine tief verankerte Intuition. Diese Intuition ist kein magischer Funke, sondern die FΓ€higkeit unseres Gehirns, auf Basis von Lebenserfahrung vΓΆllig neue, unstrukturierte Probleme blitzschnell zu lΓΆsen – selbst wenn es dafΓΌr keine historischen Daten gibt. Ein Beispiel: Apollo 13. Wer hΓ€tte gedacht, dass man mit einem richtig zerrissenen Aktenordner, einer PlastiktΓΌte und Klebeband die lebenserhaltenden Systeme einer RaumfΓ€hre retten kann? Wir Menschen kΓΆnnen zudem Verantwortung ΓΌbernehmen und fΓΌr unsere Entscheidungen geradestehen. Diese moralische Last ist nicht delegierbar.

Die StΓ€rke der KI liegt hingegen in der schnellen Verarbeitung gigantischer, unstrukturierter Datenmengen. Sie wird nicht mΓΌde, sie ist niemals demotiviert und sie leidet nicht unter KonzentrationsschwΓ€chen. Eine KI kann eine App in der Programmiersprache implementieren, die das Projekt gerade braucht.

Ich sage gelegentlich: Die KI macht die klugen Leute klΓΌger und die dummem dΓΌmmer. Zum Ende mΓΆchte ich noch ein paar praktische Tipps auf den Weg geben.

Gute Beispiele, wie man die KI nutzen kann:

  • Dokumentations-Assistenz: Nach einer SoftwareΓ€nderung aktualisiert die KI die Dokumentation.
  • Lern-Turbo: Eine KI kann den Lernprozess des Menschen drastisch beschleunigen (z. B. durch maßgeschneiderte ErklΓ€rungen).
  • Code-VerstΓ€ndnis: KIs kΓΆnnen komplexe Code-Schnipsel in Sekunden verstΓ€ndlich erklΓ€ren.
  • Recherche & Synthese: KIs kΓΆnnen riesige Datenmengen durchforsten und nach den genauen Vorgaben des Menschen prΓ€zise zusammenfassen.
  • Kreatives Sparring: Die KI als Ideengeber nutzen, um festgefahrene Denkpfade zu verlassen, neue Blickwinkel auf ein Problem zu werfen oder alternative Formulierungen zu brainstormen.
  • Fehlerbehebung: Die Behebung von Software-Bugs umfasst oft eine Einarbeitung in komplexe und unbekannte Codestrukturen. Ein erster LΓΆsungsvorschlag von der KI, der dann mit dem Menschen verbessert wird, ist sehr effizient.

Die Anti-Muster sind einfach zu erkennen:

  • Blinde Substitution: Eine KI soll Aufgaben komplett ΓΌbernehmen, die ein Mensch nur noch pro-forma bewerten muss. Wer liest schon 20 Seiten Dokumentation Korrektur oder prΓΌft 200 Γ„nderungen in 20 Dateien? Und das 10-mal am Tag?
  • Die PlausibilitΓ€ts-Falle: Antworten der KI ungeprΓΌft als Fakten zu ΓΌbernehmen. Da LLMs auf Wahrscheinlichkeiten basieren, "halluzinieren" sie plausibel klingende, aber vΓΆllig frei erfundene Daten. Die menschliche Gegenkontrolle ist unverzichtbar.
  • Moralische & personelle Delegation: KI-Systeme fΓΌr sensible, zwischenmenschliche Entscheidungen einzusetzen (z. B. automatisierte Leistungsbewertungen oder KΓΌndigungsvorschlΓ€ge im HR-Bereich). Echte Empathie und moralische Verantwortung lassen sich nicht in Algorithmen gießen.

Wie kombiniert ihr die StΓ€rken des Menschen und der KI? Wie holt ihr das Beste aus der KI?